Zweifelhafte Stellungnahme des Bezirks zum Baumgutachten „Erzbergerstraße“

Das Bezirksamt Altona hat in diesem Jahr ein Gutachten für zwei Bäume in der Erzbergerstraße aufgrund einer Überplanung der kleinflächigen Grünanlage, den hohen Sicherheitserwartungen des Verkehrs, sowie grundsätzlicher Entwicklungsmöglichkeiten der Bäume in Auftrag gegeben. Das Gutachten wurde am 6.Juni 2016 erstellt. Hierzu hat das Bezirksamt eine kurze Stellungnahme verfasst und am 5.9.2016 dem Verkehrsausschuss vorgelegt. Eine Fällung wird befürwortet. Ein Deal mit einem in der Nachbarschaft ansässigen Investor verspricht verlockende Finanzierung für die Überplanung.

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Pappeln in der Erzbergerstraße. Foto: CC 3.0 by StarO

Vergleicht man das Gutachten der beauftragten Firma und die Stellungnahme des Bezirksamt, ist eine Fällung der für das Stadtbild prägende Bäume anzuzweifeln. Die Stellungnahme weist Ungereimtheiten und falsche Wiedergaben des Gutachtens auf.

Grundlegend bewertet das Gutachten insgesamt 5 Kategorien. Einer der Bäume weist nur in der Kategorie „Krone“ Mängel auf. Da der andere Baum ebenso Mängel an der Krone hat, könnte man zurückliegende Baumarbeiten hinterfragen, da die im Gutachten beschriebenen Mängel mit Schnittmaßnahmen zusammenhängen. Bei dem zweiten Baum kommt außerdem ein „Anfuhrschaden“ am Stamm „ohne Bruchsicherheitseinschränkung“ und ein „unkritischer“ Mangel am Stammkopf hinzu.

Warum befasst sich bis dato nur der Verkehrssausschuss und nicht auch der Grünausschuss mit dem Thema? Gibt es überhaupt ein Interesse die Bäume zu erhalten, denen ein falsches Lebensalter angedichtet wird? Die Tragweite der Mängel sind Mutmaßungen. Eine Fällung hätte vorbeugenden Charakter, obwohl Alternativen für eine zukünftige statische Anbindung in Betracht gezogen werden könnten.

Ungereimtheiten zwischen Stellungnahme des Bezirksamt Altona und den Aussagen des Gutachtens:

 


Bezirksamt: Es wird behauptet, die Pappeln hätten „Beschädigungen an den Wurzelsystemen durch Baumaßnahmen des Jahres 1998“.

Gutachten: Beiden Pappeln werden an den Wurzeln: „Keine Mängel“ bescheinigt.


Bezirksamt: Das Alter der Bäume wird vom Bezirk auf „85 bis 95 Jahre“ beziffert, mit einer Reststandzeit von „3 bis 10 Jahren“.

Gutachten: Beide Bäume haben laut Gutachten ein Alter von: 70 Jahren.


Bezirksamt: Es wird mittgeteilt,  dass die Bäume „massive Faulstellen an den Kappungsstellen in der Kronenperipherie“ haben.

Gutachten: Die Umschreibung „massive Faulstellen“ wird im Gutachten nicht genutzt. Es wird davon gesprochen, dass es durch regelmäßige Schnittmaßnahmen zu Fäuleentwicklung im Bereich der Schnittstellen kommt, die der Baum von alleine nicht „umwallen“ kann. Eine „nicht ausreichende statische Anbindung“ ist die Folge.

Anmerkung: Googelt man Umwallung und Baumpflege findet man Sätze wie: „Das unsachgemäße Absägen von Astkrägen und anderen Überwallungen stellt eine Verletzung des Baums dar. Wird ein Ast korrekt entfernt, wird das umgebende Gewebe bestens versorgt und kann kräftig wachsen; die Wunde ist (je nach Baumart) nach Wochen oder Monaten bereits geschlossen.“ – Wikipedia ‚Umwallung‘


Bezirksamt: Eine Entnahme der Bäume wird „befürwortet“.

Gutachten: Es wird eine Entnahme „in Erwägung gezogen“.


Beiden Bäumen wird, laut Gutachten, die Vitalitätsstufe „1“ zugesprochen. Vitalitätsstufe 1 bedeutet: „Kronenmantel an wenigen Stellen zerklüftet. Wenig Totholz im Dünnast- und Starkastbereich“. Die Vitalitätsskala nach Andreas Roloff hat 4 Stufen. Stufe 1 ist die zweitbeste Wertung. .

Zuletzt fällt auf, dass das Bezirksamt die beiden Bäume in ihren Umschreibungen des Sachverhalts als Einheit betrachtet, wohingegen der Gutachter beide Bäume separat bewertet. Warum gibt es nichtmal die Ambitition wenigstens einem Baum, seine noch 25-jährige Lebenserwartung zu ermöglichen?

Alles Wissenswerte zum Thema Baumpflege hier.

Stellungnahme des Bezirksamt Altona:

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Das Gutachten von Baumpflege Bollmann GmbH:

Um das komplette Gutachten zu lesen, einfach auf das Bild klicken!

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Quelle: Bezirksamt Altona


Quellen:            Bezirksamt Altona

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4 Kommentare

  1. Pingback: Baumfällungen in der Erzbergerstraße

  2. DerDifferenziator

    Eine kritische Berichterstattung ist wichtig und willkommen. Aber sie sollte objektiv bleiben. Ich hoffe, der Leser belässt es nicht dabei, die recht einseitig wertende Zusammenfassung des Berichts zu lesen, sondern sich die Mühe zu machen, das Gutachten durchzulesen.
    Der Gutachten weist durchaus auf die nicht unerhebliche Gefahr von Grünastabbrüchen hin! Also, ich möchte nicht erleben, was los wäre, wenn jemand bei dieser gutachterlichen Bewertung zu Schaden (wohlmöglich zu Tode) käme.
    Auch dass Pappel eigentlich völlig ungewöhnlich (da ungeeignet) im urbanen Bereich sind, steht im Gutachten. Und dass sie dazu führen, dass sich die wertvollen Stileichen wegen der ollen Pappeln nicht entwickeln können, steht auch darin.
    In der Zusammenfassung heißt es u.a.: „Gibt es überhaupt ein Interesse die Bäume zu erhalten, denen ein falsches Lebensalter angedichtet wird?“ Die Antwort darauf könnte doch völlig ZU RECHT! heißen, dass Kein öffentliches Interesse besteht, die Bäume zu erhalten – weil es WOHLMÖGLICH eine unsinnige (und gefährliche) Entscheidung wäre! Außerdem wird hier mal eben locker festgestellt, dass ein falsches Lebensalter angedichtet wird. Aha. Woher wissen wir denn, wer (Gutachter oder Bezirksamt) über die verlässlicheren Daten verfügt? Der Gutachter nach Inaugenscheinnahme? Im Baumkataster http://www.hamburg.de/strassenbaeume-online-karte/ sind Pflanzdaten dokumentiert, nämlich 1920 bzw. 1930. Das dazu.

    • Das Bezirksamt gibt in der Überschrift der Stellungnahme ausdrücklich an, sich auf das Gutachten vom 06.06. zu beziehen.
      Nun gibt es Verwunderung, warum die Drucksache auseinandergenommen wird?
      Sicherlich soll die Öffentlichkeit in Zukunft vorsorglich nicht davon ausgehen, dass die Angaben und Texte aus dem Bezirksamt unvollständig und ungenau sind, oder?
      Über den Zustand der Bäume bzgl. Grünastabbrüchen wurde im Blog-Artikel vom 13.10.„Baumfällungen in der Erzbergerstraße“ eingegangen und wurde keinesfalls unterschlagen.

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