AO – Aufstieg und Fall der ersten Bürgerinitiative in Ottensen

Die Verhinderung der City-West in Ottensen beginnt 1970 als der Kreisverband Altonaer Jungsozialisten von der SPD erfährt, dass in Ottensen eine großflächige Sanierung geplant ist. Im Zuge einer Senatsdiskussion („Entwicklungsmodell für Hamburg und sein Umland“) soll Ottensen „City-Entlastungszentrum“ werden. Geplant sind 50ha Bürofläche ähnlich der Hamburger Bürostadt City-Nord. Für die Fertigstellung des Elbtunnels im Jahr 1975 sollen außerdem breite Autobahnzubringer schräg durch das Viertel gebaut werden.

City-West Zeichnung

City-West: Eine inhumane Entscheidung!

Nach den fragwürdigen „Sanierungen“ in Altona-Altstadt und dem beschlossenen Abriss des historischen Altonaer Bahnhofs, bildet sich nun im Umkreis der Altonaer Jusos ein Arbeitskreis Sanierung Ottensen (kurz: ASO). Unter den Mitgliedern sind einige später bekannte SPD’ler, wie z.B. Michael Sachs (zuletzt Staatsrat unter Olaf Scholz) oder Hans-Peter Strenge (später Bezirksamtsleiter Altona).

Innerhalb der SPD Altona befasst sich wiederum die Kreisarbeitsgemeinschaft Sanierung Ottensen (KASO) mit den Planungen des Senats. Beide Arbeitsgruppen hinterfragen die Pläne und legen eine Strategie fest, wie sie mit dem erheblichen Eingriff in die Stadtplanung umgehen sollen. Die ASO empfindet das Vorhaben als inhumane Entscheidung.

city-west-modell-HA-1969-1 (1)

Modell der City-West. Quelle: Hamburger Abendblatt

1971 – Alternativen werden überlegt

Im Januar 1971 wird der Entwurf „Programm Ottensen“ aus der Baubehörde offiziell bekannt. Er beinhalt Maßnahmen vor allem für das Ottenser Kerngebiet. Die ASO veröffentlicht daraufhin einen ersten Zwischenbericht. Hierin wird die Kritik an dem Programmplan artikuliert. Sie thematisieren die Zerstörung der sozialen Netze durch Umsiedelungen, Flächensanierung statt Objektsanierung und die Erhöhung des Mietpreisniveaus und Bodenwert. Die Arbeitsgruppe beschließt Alternativen zu erarbeiten. Zum Beispiel die Verlagerung der Bürostadt in das Gleisdreieck am Altonaer Bahnhof (heutige ‚Mitte Altona‘).

Da ihr Widerstand sowie das Engagement für Ottensen in der Partei bisher nicht zu nenneswerten Erfolg führt, soll nun das Interesse der Bevölkerung Richtschnur bei einer Neuplanung von Ottensen sein. Die ASO beschließt die Ottenser Bürger miteinzubeziehen. Erste Überlegungen einer Ottenser Zeitung (OZ) entstehen.

1972 – Die Bevölkerung wird eingeweiht

IMG_5522Im Mai 1972 eröffnet die ASO ein Stadtteilbüro in Ottensen um von dort aus die Bürger zu informieren. Im Juni erscheint die erste Ausgabe der OZ mit der Überschrift: „Die Sanierung läuft“. Von nun an wird die Zeitung monatlich gedruckt (später alle 2 Monate). Weitere Themen sind Mietrecht, Spielplätze, Alltägliches. Es soll Mut zur eigenen Aktivität gemacht werden. Andere Mieterinitiativen z.B. in den vom Abriss bedrohten Häusern der Rainville- und Klopstockterassen werden animiert (der Beginn von Mieter helfen Mietern in Hamburg e.V.).

Im Dezember veröffentlicht die ASO einen Schlussbericht. Der Arbeitskreis lädt außerdem zu einer Bürgerversammlung ein. Thema ist das brachliegende Grundstück Beetsweg/Klausstraße. Hier werden Bürger mobilisiert für einen Spielplatz einzutreten (aus dieser Bewegung entsteht später die Spielplatzinitiative Ottensen SPIO).

1973 – Gründung Aktionsgemeinschaft Ottensen

IMG_5545 (1)Im März 1973 beschließt der SPD-Kreisverband Altona die angestrebten Ziele der ASO geschlossen zu unterstützen.

Die ASO lädt zu einer Bürgerversammlung in die Schule Rothestraße ein. Es kommen ca. 120 Bürger. Umfassend wird anhand einer Bildvorführung informiert. Auch hier ist das Ziel Bürger zu mobilisieren und die Gründung einer Bürgerinitiative zu forcieren.

Am 23. Mai 1973 wird dann bei einer Versammlung in der Schule Gaußstraße die ‚Aktionsgemeinschaft Ottensen‘ (kurz AO) gegründet. Es sind ca. 350 Bürger anwesend. Ein Programm wird erlassen. Zahlreiche neue politisch motivierte Akteure treten auf den Plan: Es werden 6 regionale Gruppen gebildet. Dies ist die erste Bürgerinitiative in Ottensen und eine der ersten in Deutschland. 

Ottensen kämpft!

Im Sommer startet die Aufkleber-Aktion: Gelber Punkt. Eine Anlehnung an die „Rote-Punkt-Aktion“ in Hannover. Die Sticker sind mit verschiedenen Parolen bedruckt. Die OZ wird nun radikaler. Die Schlagzeile lautet: „Ottensen kämpft“. Zur dieser Zeit startet auch die Thede-Filmproduktion mit Dreharbeiten für ihre Dokumentation über die Vorgänge in Ottensen. Sie trägt den Titel: „Wenn das so kommt – Ottensen kämpft

2014-10-26 15.13.16Unter dem Druck der Bevölkerung machen sich erste Erfolge der Bemühungen bemerkbar. In einer Pressemitteilung des Senats erklärt der Bausenator nun eine Reduzierung von zuvor 50ha geplanter Bürofläche auf nur noch 30ha. Begründet wird dies mit „veränderten Entwicklungszielen“. Eine behutsame Sanierung der maroden Altbauten wird nun erörtert. Außerdem entfällt der Autobahnzubringer Behringstraße/Große Brunnenstraße. Der gesamte Bereich zwischen Behringstraße und Holländische Reihe war damit vor der Abrissbirne gerettet.

„Die Bürger siegten über die Behörde“

IMG_5538

Es folgt ein mediales Echo. Die Pressemitteilung der AO gibt allerdings bekannt: „Wir lassen uns kein Sand in die Augen streuen!“. Sie weisen weiter auf den durch Ottensen geplanten Autobahnzubringer hin. Dieses Thema findet breites Gehör in der Bevölkerung und entfacht nachhaltige Proteste. Vor allem bei den Anwohnern der Straßen Klausstraße, Eulenstraße, Keplerstraße, und Bleickenallee.

Walter Seeler

IMG_5540Die Bezirksversammlung Altona beschließt die Stelle eines Sanierungsbeauftragten einzurichten. Er soll Mittelsmann zwischen Initiativen und Politik sein. Es wird der Journalist und Soziologe Walter Seeler. Sein Wirken wird von vielen Ottensern mit Argwohn betrachtet. Man befürchtet steigende Mieten und ein Schöntrimmen wie in Pöseldorf.

Demo im Juli 1973

Die AO veranstaltet im Juli ein Straßenfest und eine Demonstration. Kommunistische Parteien schliessen sich an. Ihre Mitglieder sind gleichzeitig Mitglieder der Aktionsgemeinschaft  Ottensen (Regionalgruppe West). Sie verteilen ein eigenes Flugblatt und hissen eine rote Fahne. „Kampf den volksfeindlichen Maßnahmen der SPD-Regierung!“. Dies führt zu ersten Mißstimmungen innerhalb der AO. Die Medien erklären die Demo zu einem Mißerfolg.

spritzenplatz-1972-StarO-kieseritzky

Foto: Stadtteilarchiv Ottensen

Bild 1, Demo 1973

Demo 1973. Foto: Stadtteilarchiv Ottensen

demo-bahrenfelder-str-um-1970-staro-2

Demo 1973. Foto: Stadtteilarchiv Ottensen

IMG_5527

IMG_5539

1974 – Zerfall der AO 

Der Ärger innerhalb der Aktionsgemeinschaft Ottensen sollte von nun an vorherrschen. Die Bürgerinitiative führte zwar bis April 1974 noch Aktionen durch, doch die Arbeit war geprägt von Uneinigkeit und Zersplitterung. Die in der Bürgerinitiative aktiven Akademiker und Studenten wiesen sehr verschiedene politische Hintergründe auf. Sie gehörten fünf Gruppierungen an:

  1. DKP (Deutsche Kommunistische Partei) und SDAJ (Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend)
  2. KB (Kommunistischer Bund) und KBW  (Kommunistischer Bund Westdeutschland)
  3. Studenten der Sozialpädagogik
  4. Jusos (Jugendorganisation der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands)
  5. KPD/ML (Kommunistische Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten)

Einige der Gruppierungen waren gegen eine Kommunikation mit der Verwaltung und Politik. Vielmehr setzten sie auf Kampf und Blockaden vor allem gegen den im Bau befindlichen Autobahnzubringer. Diese Mitglieder galten daher als verfassungsfeindlich und bekamen sogar vereinzelt Schwierigkeiten im Berufsleben. Im April 1974 spalteten sich die Gruppierungen endgültig auseinander. Die Juso-geprägte Regionalgruppe organisierte in der Folge noch eine Veranstaltung mit dem neuen Bausenator Bialas. Sie war stets für einen Dialog mit Politik und Verwaltung. Doch auch dies änderte nichts daran, dass die Aktionsgemeinschaft zerfiel und die Ottenser Zeitung eingestellt wurde.

Bürgerinitiative Ottensen (BIO)

Inzwischen war allerdings auch die Bürgerinitiative Ottensen (BIO) sehr aktiv. Sie vertraten vor allem die Belange von Geschäftsinhabern und Grunstückseigentümern. Ihre Ziele waren im Rahmen der Flächensanierung u.a. die Ottenser Hauptstraße zur Fußgängerzone anzulegen, neue Parkplätze zu schaffen und den Durchgangsverkehr umzuleiten. Bei ihnen war ein Dialog zwischen Bürgern, Verwaltung und Politikern maßgeblich vorhanden. Ihre Arbeit wurde damals und heute als Erfolg gewertet. Im Jahr 1975 wurde die Initiative sogar vom damaligen Wirtschafts- und Verkehrssenator geehrt.

„Die Bürgerinitiative hat sich in Ottensen um die Stadtplanung Verdienste erworben, auch wenn sie für die Verwaltung nicht immer ein bequemer Partner war.“ – Helmuth Kern (1966-76 Wirtschafts- und Verkehrssenator von Hamburg)

Hella Soltau

Ebenfalls im Jahr 1974 gründete sich die Interessensgemeinschaft Ottensen (IGO). Dies war dem Engagegement einer emanzipierten Ottenser Hausfrau zu verdanken: Hella Soltau aus der Bleickenallee. Sie stellte die Verminderung der Lebensqualität durch die Bauarbeiten und den Durchgangsverkehr in den Vordergrund und war für viele Bewohner eine positive Identifikationsfigur.

1974 Hella Soltau Artikel IGO

1973 Bleickenallee AO

1975 bis 1982: Wie ging es weiter?

Die Arbeit der Bürgerinitiativen welche ursprünglich die Jusos mit dem Arbeitskreis Sanierung Ottensen angestoßen hatten, sollte noch einige Jahre andauern. Die Bürokomplexe der City-West wurden verhindert, nicht jedoch die  Autobahnausfahrt an der Walderseestraße. Sämtliche ausgebaute Durchfahrtstraßen in Ottensen wurden später allerdings wieder zurückgebaut. Durch das erhöhte Verkehrsaufkommen kam es in den folgenden Jahren immer wieder zu tödlichen Unfällen mit spielenden Kindern. Anfang der 80er wurde deshalb nach neuerlichen Bürgerprotesten Ottensen großflächig zur Tempo-30-Zone erklärt.

Eine weitere Bürgerbewegung startete Ende der 70er Jahre: die Bürgerinitiative Verkehr Ottensen (BIVO). Durch den Bau des 1979 fertiggestellten neuen Bahnhofs, war eine eine Bustrasse durch Ottensen geplant. Es sollten abermals zahlreiche Altbauten abgerissen werden. Die Bürgerinitiative BIVO verhinderte dies.

Ottensen war zu einem Stadtviertel aktiver Bürgerbewegungen herangereift die ihr Viertel mitgestaltet. Bis heute (?).


Text: Dirk Aye
Sämtliche verwendeten Unterlagen stammen aus dem Stadtteilarchiv Ottensen.

Schreib einen Kommentar: