Der Ottenser Torbogen von Doris Waschk-Balz

Ankunft und Errichtung des Ottenser Torbogens durch Doris Waschk-Balz [1979]. Foto: CC 3.0 by StarO

Die ist ja gar keine echte Ottenserin!

So lautete 1979 die Kritik an der Künstlerin Doris Waschk-Balz, als in Ottensen eine Vitrine aufgestellt wurde, in welcher ihr Modell vom „Ottenser Torbogen“ vorgestellt wurde. Auch heute noch ein gebräuchliches und fragwürdiges Argument gegen zugezogene Bewohner Ottensens. Außerdem wurde vom Bezirk gefordert:

„Wir brauchen eine Bushaltestelle und kein Kunstwerk“.

Der bürgerliche Unmut führte schließlich soweit, dass die Vitrine eingeschlagen wurde. Auch die alternativ eingestellte „Ottenser Zeitung“ wandte sich ab und prophezeite, dass das Kunstwerk lediglich eine hübsche Idylle vorgaukelt und vor allem die Schickimickisierung des Viertels einläute.

Doch die Kunstkommision und der Bezirk Altona waren sich einig. Die Skulptur der damals 37-jährigen Bildhauerin sollte nach einer planungsträchtigen Zeit ein Signal sein, dass nun Ruhe an der ehemals verkehrsreichen Kreuzung Bahrenfelder Straße/Ottenser Hauptstraße einkehrt. Heute ist das Kunstwerk aus dem Stadtteil nicht mehr wegzudenken und gehört zu seinen wenigen Wahrzeichen. Gemeinsam mit dem Fotografen Roeler habe ich die Bildhauerin in ihrem Atelier in Ottensen und ihrem Zuhause in Övelgönne besucht.

Das Atelier

Fünf Jahrzehnte kreativen Schaffens der Bildhauerin und Medailleurin sind hier erlebbar. Sie arbeitet im ersten Stock des ehemaligen Schulgebäudes in der Gaußstraße. Verschiedene Künstler und Kleingewerbetreibende haben in diesem Atelierhaus ihre Wirkungsstätte. Das Gebäude in dem sie seit 2002 arbeitet, gehört der Stadt, ist aber nicht subventioniert. Ein Luxus für die meisten Mieter, denn bezahlbare und gut ausgestattete Ateliers sind in Ottensen inzwischen rar.

Lässt man den Blick durch ihr Atelier schweifen, erkennt man sämtliche Etappen ihrer künstlerischen Entfaltung. Auf dem Boden und an den Wänden liegen und hängen Reliefs und Zeichnungen. Ringsherum auf Tischen und in Regalen sind kleinformatige figürliche Arbeiten aus Draht, Terrakotta, Gips oder Bronze verstaut. Ihre Figuren sind dabei stets von einer Umgebung eingefasst. Am Spritzenplatz ist es bekanntlich ein Torbogen. Innerhalb dieser Rahmen oder sogar angedeuteten Landschaften spielt sie mit Relationen und Perspektiven. Die Aussagen werden umso verborgener, je kleiner und abstrakter die figurativen und nonfigurativen Plastiken sind.

Seitdem sich zu Beginn der 70er Jahre in Deutschlands Kulturpolitik die ‚Kunst im öffentlichen Raum‘ ausbreitete, profitierte auch Doris Waschk-Balz an dem öffentlichen Interesse. Bronzeskulpturen der Bildhauerin findet man in ganz Hamburg und Norddeutschland. Eine Übersicht der Orte ihrer Arbeiten findet man HIER.

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Foto: Roeler

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Foto: Roeler

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Foto: Roeler

Der Ottenser Torbogen

Dass die Figuren am Spritzenplatz so realistisch und anekdotisch geworden sind, ist dem Umstand geschuldet, dass sie als klassische Bildhauerin bei lebensgroßen Figuren den Anspruch auf korrekte Anatomie hat. Bewusst hat sich die Künstlerin damals für eine durchlässige Plastik ohne Sockel, inmitten der vielfrequentierten Kreuzung entschieden. Manche sagen, das Hindurchschreiten hätte eine verjüngende Wirkung. Das zwar eindeutige Generationen-Thema der Figuren lässt dem Betrachter trotzdem vielfache Interpretationsmöglichkeiten. Die Künstlerin schrieb 1996:

„Auch wenn manche, die sich früher noch ganz selbstverständlich mit der forsch ausschreitenden jungen Frau identifizierten, sich inzwischen der ruhigen Gelassenheit der Älteren annähern, so ist doch insgesamt das Nebeneinander von Jung und Alt, Ruhe und Bewegung, passiver Beschaulichkeit und aktivem Aufbruch charakteristisch geblieben für diesen Stadtteil. Und ich wünsche mir […], dass es möglich ist, Altes zu bewahren und gleichzeitig lebendig und offen für neue Entwicklungen zu sein.“

Ottenser deuten die Skulptur jedoch nicht nur, sie nehmen sie seit jeher in Besitz. Sofern es temporär ist und niemand die Figuren für Vermarktungszwecke missbraucht, gefällt das der Künstlerin auch. Es zeigt ihr, dass die Kunst funktioniert. Der Fotograf Asmus Henkel dokumentiert seit 1980 die wechselnden Interventionen. Werden die Figuren von Unbekannten bemalt oder beklebt, schreiten auch schon mal Bewohner des Viertels zur Tat, um sie zu reinigen. Der Stadtteil pflegt eine innige Beziehung mit der Skulptur. Immerhin haben viele bereits als Kind auf ihr rumgeturnt.

Foto: Asmus Henkel

Foto: Asmus Henkel

Foto: Asmus Henkel

Zuhause in Övelgönne 

Doris Waschk-Balz lebt mit ihrem Ehemann, dem bekannten Zeichner Klaus Waschk, in Övelgönne. Versteckt hinter dicht-blühenden Hecken am Wegesrand des menschengesäumten Fußwegs. Eingeladen zu einem Stück Kuchen, hat sich Roeler dort umgesehen und einige Fotos mitgebracht.

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Foto: Roeler

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Foto: Roeler

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Foto: Roeler

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Foto: Roeler

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Foto: Roeler

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Foto: Roeler

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Foto: Roeler

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Foto: Roeler

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Foto: Roeler


Text: Dirk Aye
Fotos: Roeler | www.roeler.com

Historische Fotos: Asmus Henkel; Stadtteilarchiv Ottensen

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