Pilotprojekt startet – Doch für die Recyclingoffensive des Senats fehlt der Platz

In Ottensen haben die Bauarbeiten zu gemeinschaftlichen Müllstandplätzen für insgesamt 710 Haushalte begonnen. Die Maßnahmen sollen die rosa Plastiksäcke ersetzen, von denen bisher pro Woche über 1000 auf den Bürgersteigen landen und zweimal wöchentlich abgeholt werden. Das immense Platzproblem im dicht bebauten Stadtteil hatte die Nutzung der unzeitgemäßen Reststoffsäcke ursprünglich erforderlich gemacht und eine Mülltrennung mit mehreren Tonnen je Haus unmöglich gemacht. Die vom Senat angeordnete Nachverdichtung hat das Problem passende Abstellflächen für Müll anzubieten keinesfalls verbessert, sondern eher noch verschlimmert. Hinzu kommt, dass es mittlerweile wirtschaftlich sehr attraktiv ist, ehemalige Müllräume zu Wohnraum umzuwandeln.

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Mülltüten in der Bahrenfelder Straße. Foto: Inside Ottensen

Wo und was wird gebaut? 

Statt den vorherigen 80 Standorten für Müllsäcke auf den Bürgersteigen, werden nun auf öffentlichem Grund 28 neue (barrierefreie) Standplätze errichtet. Von diesen Abfallbehältersystemen zur gemeinschaftlichen Nutzung werden 11 unterirdisch und 17 oberirdisch errichtet. Zugang zu dem System werden nur berechtigte Bewohner per Chipkarte oder Schlüssel haben. Zusätzliche Gebühren werden nicht erhoben.

Quelle: Stadtreinigung Hamburg

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Quelle: Stadtreinigung Hamburg

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Unterflursystem. Quelle: Stadtreinigung Hamburg

Hamburger Recycling-Offensive – In Ottensen kein Platz!

Obwohl im Jahr 2012 das „Bündnis zur Hamburger Recycling-Offensive“ vereinbart wurde, wird das neue Ottenser Abfallsystem auch weiterhin keine Mülltrennung anbieten. Wie kann das sein? Immerhin hatte der Senat beschlossen, dem Ausbau des Recyclings eine hohe Bedeutung zukommen zu lassen. Rüdiger Siechau (Geschäftsführer Stadtreinigung HH) war derjenige, welcher den Bürgern bei der Altonaer Infoveranstaltung im Mai erklären musste, dass in Ottensen weiterhin kein Platz für Mülltrennung sei. Es geht bei der Maßnahme also im wesentlichen darum, die stinkenden und oftmals von Krähen und Ratten zerrissenen Säcke aus dem öffentlichen Raum verschwinden zu lassen.

Eine Frage die sich im Zusammenhang mit Recycling heutzutage aber viele stellen ist: macht Mülltrennung zu Hause überhaupt noch Sinn? Die Möglichkeiten der automatisierten Mülltrennung müssten inzwischen doch so gut sein, dass diese den Müll ebenso und sogar besser trennen könnten. Sorgt bei der Vielzahl der eingesetzten Materialen das ganze Sortieren zu Hause nicht eher für Verwirrung und Überforderung?

Umweltsenator Jens Kerstan befürwortet die Mülltrennung im eigenen Haushalt. Nur leider wird diese „Recycling-Offensive“ nun in Ottensen weder umgesetzt noch gefördert. Für die diversen Tonnen der zu trennenden Verbundstoffe müsste man noch mehr öffentlichen Raum nehmen. Da bliebe in den meisten Fällen eigentlich nur Parkraum. Doch das Auto und sein Parkplatz ist in Hamburg nach wie vor eine heilige Kuh. Radfahrer die auf mehr Radwege hoffen, können ein Lied davon singen.

Für die Ästhetik des öffentlichen Raum ist das jetzige Pilotprojekt ein Erfolg, doch aus umweltpolitischer Sicht sehr dürftig. Dafür hat Herr Kerstan ein Händchen, betrachtet man mal sein anderes Pilotprojekt in Altona: die Pfandringe. Sie ersparen Flaschensammler zwar den demütigenden Griff in Mülleimer, aber nachhaltig an der Armut in der Gesellschaft ändert es nichts.

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Unterzeichner „Bündnis zur Hamburger Recycling-Offensive“ mit damaliger Umweltsenatorin Stapelfeld. Quelle: BSU

Ist Recycling überhaupt die Lösung?

Viele Experten kritisieren das heutige Recyclingprinzip generell. Das Trennsystem habe in Deutschland am ehesten zu einem guten Gewissen geführt. Eine noch so effektive und flächendeckende Abfalltrennnung löse nicht das Müllproblem. Daran haben in erster Linie Industrie und Politik Schuld, da ein erheblicheres Problem die heutztage verwendeten Materialmischungen sind. Diese lassen sich kaum noch wiederverwerten. Viele Plastikmischungen sind nach dem Recycling unbrauchbar und giftig. Mal ganz davon abgesehen, dass viel zu viel Verpackung produziert wird.

Nützt alles nichts. Müll vermeiden!

Bei all den Platz- und Umweltproblemen die der Müll verursacht, kommt man eigentlich nur auf eine Erkenntnis: Müll vermeiden. Vielleicht ist es wirklich nicht die schlechteste Idee den Verpackungsmüll direkt beim Point-of-Sale zu lassen. Vielleicht würde der Handel bei einer konsequenten Handhabung durch alle Verbraucher irgendwann entnervt die Produzenten dazu drängen weniger Verpackung einzusetzen. Die Politik sollte gleichzeitig dafür sorgen, dass der Anteil giftiger Kunststoffe bei der Produktion verboten wird.

Bis es soweit ist, werden nun erstmal ein paar Wochen lang tiefe Löcher in den Ottenser Asphalt gegraben um die unterirdischen Müllanlagen zu verankern. Den Autofahrern wird es nicht gefallen, müssen sie wie hier auf dem Foto der Keplerstraße, während der Arbeiten auf viele Parkplätze verzichten…

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Quellen: Stadtreinigung HH - Konzept für das Pilotprojekt Altona, HH Abendblatt: Zu wenig Restmüll - Aus für MV in Stellingen, Die Zeit: Abfall vom System, Die Zeit: Keine rosa Sack für Ottensen