Laut MOPO: Schweres ‚Sichselbstverletzen‘ aufgrund von ‚Übersehen‘

Radfahrerin in Ottensen bei Verkehrsunfall schwer verletzt

Laut einer Polizeimeldung von heute Morgen, 6.9.2016, hat sich am Vortag ein schwerer Verkehrsunfall auf der Behringstraße ereignet. Darin wird mitgeteilt, dass in Höhe der Grünebergstraße eine 46-jährige Frau in ihrem PKW ein Rotlicht mißachtete und mit einer Radfahrerin kollidierte, die gerade bei grünem Licht die Fahrbahn überquerte. Die 60-Jährige Radfahrerin wurde durch den Unfall schwer verletzt und mit einem Rettungswagen in ein Krankenhaus gefahren, wo sie stationär aufgenommen wurde. Die Polizeimeldung gab bekannt, dass laut Auskunft des Krankenhauspersonals, keine Lebensgefahr bestehe. Quelle: www.presseportal.de

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Grünebergstraße/Behringstraße. Foto: Inside Ottensen

Von Auto erfasst – Doch RadfahrerIn verletzt sich selbst!

Wären solche Vorfälle nicht schon schlimm genug, treten in diesem Moment Redakteure von Zeitungen auf den Plan, welche in ihren Formulierungen von Unfallmeldungen (wenn nicht ohnehin schon die Polizeischreiber dafür gesorgt haben) äußerst unachtsam sind und den Unfallopfern Autoaggression unterstellen. Und mit Autoaggression ist mitnichten Aggression gegenüber PKW’s gemeint.

Autoaggression beschreibt in der Psycholgie: Selbstverletzendes Verhalten.

Bei den täglichen Unfallmeldungen wird dem Leser landesweit erklärt, wie der/die Radfahrer, nachdem vom PKW erfasst, sich erst nach dem Sturz „selbst verletzt“. Hier ein paar Links zu solchen Beispielen:

„Die Frau stürzte zu Boden und verletzte sich selbst schwer„.

„Pkw mit angehängtem Wohnanhänger. Letzterer berührte im Vorbeifahren den Kürtener, den es so vom Fahrrad riss. Der Mann stürzte und verletzte sich selbst, glücklicherweise nur leicht.“

 „Ein Pkw erfasste gestern Mittag auf der Paul-Bonatz-Straße einen zwölfjährigen Radfahrer. Das Kind stürzte auf die Straße und verletze sich selbst schwer.“

Helm, aber machtlos

Die Artikel werden meist abgerundet mit Sätzen wie „Der Radfahrer trug keinen Helm“. Ein paar Beispiele für ‚Helm, aber machtlos‘ die das Victimblaming komplettieren.

Kurz vor dem Ortseingang rutschte sie an der Asphaltkante zur Bankette ab und stürzte. Die unbehelmte Frau erlitt eine Schulterverletzung.

Plötzlich geriet ein Fuß des Jungen in die Speichen des Hinterrads. Der unbehelmte Vierjährige stürzte und blieb mit eingeklemmten Fuß liegen.

Die Frau konnte beobachten, wie der Senior, der keinen Helm getragen hatte, auf der abschüssigen rutschigen Strecke plötzlich die Kontrolle über das Rad verlor und zu Boden stürzte. Der Verunglücke zog sich Verletzungen im Gesicht und Prellungen am ganzen Körper zu.

Die zitierten Melden stammen allesamt von Presserad.wordpress.com. Dort wird seit drei Jahren auf haarsträubende Unfallmeldungen aus Deutschlands (Polizei-)Redaktionen hingewiesen. Wäre es nicht so traurig, könnte man sich abendfüllend darüber amüsieren. Wie man es besser macht, haben sie in ihren 10 goldenen Regeln niedergeschrieben.

Die MOPO und ihre Meldung von dem Unfall in Ottensen

Der Artikel in der heutigen Online-Ausgabe der MOPO schlägt auch in die Kerbe von Autoaggression. Mit „Übersehen“ wurde vorschnell der folgenschwere Rotlichtverstoß beschrieben. Hier wird vermutet. Völlig unklar ist jedoch, ob sie überhaupt auf die Straße geguckt hat. Dann könnte man mit Sicherheit nicht von „übersehen“ sprechen. Macht die MOPO trotzdem. Sie scheint es zu wissen und rückt mit ihrem eigenen Wortlaut weg von dem der Polizeimeldung.

Und natürlich zog sich die 60-jährige Radfahrerin ihre Verletzungen nach dem Crash selbst zu.

Gute Besserung an die Radfahrerin!


 

Quellen der Pressetexte: www.presserad.wordpress.com

 

8 Kommentare

  1. Danke für diesen Beitrag.

    Leider kommt auch immer wieder die Formulierung vor, dass Radfahrer Rotlicht missachten, Autofahrer aber Rotlicht übersehen!

    Dabei steht es sogar richtig in der Pressemitteilung der Polizei.

  2. Also gerade bei den Helm-Zitaten sehe ich aber keine Fremdeinwirkung (abgerutscht, Fuß in Speiche, Kontrolle verloren). Ich weiß zwar, dass es in Deutschland keine Fahrradhelmpflicht gibt, aber deutsche Medien sind ja auch berühmt dafür, den Leser nicht berichten zu wollen, sondern zu belehren. Und in diesen Beispielen sieht es eher so aus, als wollte der Redakteur mitteilen „setzt euren verdammten Helm auf!“.

  3. Pingback: Scheißpresse des tages | Schwerdtfegr (beta)

  4. BTW: Der „Tathergang“ ist aber auch blöd formuliert, oder?

    Zitat: „Die Radfahrerin befuhr die Behringstraße stadtauswärts. In Höhe der Grünebergstraße missachtete eine 46-jährige Frau in ihrem PKW-Volvo das Rotlicht der Fußgängerampel und kollidierte mit der Radfahrerin, die gerade bei grünem Licht die Fahrbahn überquerte.“

    Die Autofahrerin missachtete das Rotlicht der Fußgängerampel? Wenn ich im Auto sitze, interessiert mich die Ampel für Fußgänger auch nie (außer beim Abbiegen).

    Ich gehe mal davon aus, dass gemeint ist, dass es eine „Drückeampel“ ist, die gegebenfalls nicht mal eine Grünlampe für den Autoverkehr hat, sondern nur rot wird, wenn ein Fußgänger sie betätigt? Und dass die „Fußgängerampel“ für Autos rot angezeigt hat, während sie für die Fußgänger grün war?

    • Harry Haferschleim

      Da wären wir bei einem anderen Problem: Den intellektuellen Fähigkeiten unserer Polizeibeamten. Da werden manchmal Unfallhergänge beschrieben, einfach sagenhaft. Selbst in Protokollen von Unfällen wimmelt es von Fehlern, obwohl die korrekte Beschreibung für die Abwicklung des Schadens wichtig ist. Ich habe so meine Erfahrungen…

    • Es ist aber schon eine Fußgängerampel (Du meinst das Rotlicht für Fußgänger), dort ist keine Einmündung/Kreuzung sondern „nur“ ein ampelgesicherter Fußgägerüberweg. An Fußgängerampeln werden öfter mal Fußgänger übergemangelt (Joggerin totgefahren, Bundesstr, Kaifu).
      Das Rotlicht der Fußgängerampel scheint für manche Kfz-Führer weniger verbindlich zu sein, da sie selbst keinen Schaden (etwa durch querende Kfz an Kreuzungen oder Einmündungen) zu befürchten haben.

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