Vor 28 Jahren: Volxküche im Eisenstein

MOPO vom 29.8.1988

Wie alles begann…

Nachdem die Schiffsschraubenfabrik ZEISE im Jahr 1979 Konkurs anmeldete, lagen große Teile des alten Fabrikgeländes lange Jahre brach. In den ehemaligen Kontorräumen an der Friedensalllee 7-9 eröffnete 1980 allerdings schon das ‚Filmhaus‘. Ein Produktionszentrum vieler kleiner Medien- und Filmschaffenden entwickelte sich. Dazu gehörte auch ein kleines Kino, sowie die Filmhauskneipe. Übrigens eine ähnliche Entwicklung wie es sich in den letzten Jahren in den ehemaligen Zinnwerken in Wilhelmsburg ergeben hat. „Hier ist es wie damals in den Zeisehallen“ hat Eva Hubert, die ehemalige Geschäftsführerin der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, mal bei einem Besuch dort sinngemäß konstatiert.

Zeisehallen – Sanierung statt Abriss 

In den 80ern begann man in Ottensen Fabriken für eine Neu-Nutzung zu sanieren. Viele junge Arbeitslose wurden hierfür beschäftigt, welche mittels Arbeitsbeschaffungsmaßnahme an den Arbeitsmarkt herangeführt werden sollten. Zum Beispiel beim Umbau der Drahtstiftefabrik in der Zeißstraße. Darunter waren vermeintlich perspektivlose Punks aus der „No future“-Generation, die in jenen Jahren politisch sehr aktiv waren und sich ohnehin seit der Vertreibung aus der Innenstadt und dem Karoviertel in Ottensen bewegten. Viele kamen aus dem Umfeld der besetzten Häuser in der Hafenstraße. Für die Zeisehallen hatte man sich ebenso für eine Sanierung statt Abriss entschieden. Diese ging allerdings rein kommerziell vonstatten. Die Punks betrachteten die Entwicklung am Zeise mit Argwohn.

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Zeisefabrik in den 80er Jahren. Foto: TXMX

Zeise-Halle 80er Jahre. Foto: TXMX

Ottensen wurde Schickimicki

1988 eröffnet in der ehemaligen Kesselschmiede vom Zeise-Werk, das bis heute existierende Restaurant Eisenstein. Benannt nach dem russischen Filmpionier Sergej Eisenstein. Die Theke des Lokals wurde einem Schiffsbug nachempfunden und bezieht sich auf den Film „Panzerkreuzer Potemkin“. Dieser Film ist angelehnt an die Ereignisse der russischen Revolution im Jahr 1905. Es ist die Erzählung einer Schiffsbesatzung, welche gegen die zaristischen Offiziere meutert.

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Foto: A. Henkel / CC3.0.by StarO

Das Eisenstein und das später gegenüberliegende Restaurant „Leopold“ wurden jedoch keineswegs von jungen oder alten nach Revolution strebenden Linken aufgesucht, sondern von hanseatischen Yuppies die das Lokal als Szenetreff auserkoren. Dieses Treiben und die dazugehörigen Nobelschlitten im widerständigen Ottensen waren ein Dorn im Auge vieler Bewohner. Erst Recht den Punks. Viele von ihnen arbeiteten nicht nur in der Nähe, sondern lebten auch in den Bauwagen in der Nachbarschaft. Alsbald schmissen Unbekannte regelmäßig Steine in die Fensterscheiben der Lokale…

Die „Aktion Volxküche“

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Originalflyer von 1988

Am 26.8.1988 wurde zu einer „Aktions Volxküche“ einberufen. Unter dem Motto „Holsten knallt am dollsten – Weg mit dem Champus“ trafen sich rund 80 Personen vor dem Eisenstein. Der Restaurant-Inhaber Jörg Evers versperrte daraufhin die Tür und ließ Gäste nur nach Gesichts- und Kleiderkontrolle hinein. Um 21:30 Uhr gelang den Demonstranten dann der Eintritt. Es wurden Erklärung verschiedener Ottensener Gruppen verlesen. Die „Besorgten Bürger Ottensens“ oder das „Stadtteilplenum Ottensen“ kritisierten die Umstrukturierungsmaßnahmen in Ottensen. Der beginnende Verdrängungsprozeß durch Luxussanierungen wurde thematisiert. Auch die „Medientrasse Friedensallee“ wurde für die neuerliche Entwicklung mitverantwortlich gemacht. Auf die Tische malten die Aktivisten Parolen wie „Schickis raus dem Viertel“. Mitgebrachtes Essen und Getränke wurde inmitten der Eisenstein-Gäste verspeist.

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Foto: CC 3.0 by StarO

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TAZ vom 12.9.1988

Um die Gäste zu besänftigen und möglichst schnell loszuwerden, schenkte der Wirt (unfreiwllig) den neuen Gästen Freibier aus. Die aufmarschierte Polizei drängte jedoch alsbald die Demonstranten mit Schlagstockeinsatz vor die Tür, wo es  so gewalttätig wurde, dass sogar der Eisenstein-Wirt empört dazwischen ging. Er hatte inzwischen allerdings auch einen Achenbecher an den Kopf bekommen. Die Polizei rechtfertige ihren überharten Einsatz damit, dass sie mit Suppe beworfen worden sei. Nachdem die Demonstranten auf dem erzwungenen Rückzug dem „Leopold“ auch noch einen ‚Besuch‘ abstatteten, wurde die Friedensallee durch eine Polizeikette gesperrt.

Die Übergriffe auf das Leopold und das Eisenstein wurden in den darauffolgenden Jahren weniger. Das Leopold verschwand irgendwann. Heute ist dort das ‚Scotty’s. Auch die widerständige Szene verschwand irgendwann in Ottensen und regt sich nur noch vereinzelt. Der Kampf gegen die Kommerzialisierung des Viertels nahezu aufgegeben. Nobelkarrossen fahren ganz selbstverständlich durch das Viertel. Damals unvorstellbar.


Quellen: MOPO, TAZ, BILD von August und September 1988, "Lokalgeschichte Ottensen" - Stadtteilarchiv Ottensen (2005). 
Foto: TXMX, Asmus Henkel, Stadtteilarchiv Ottensen

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